Buchempfehlung: Anthropologie des Alten Testaments

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Ps 8,5) Sein eigenes Menschsein mit allen Möglichkeiten und auch allen Grenzen beschäftigt den Menschen von alters her. Erste Anknüpfungspunkte für die Frage nach dem Menschen bieten bereits die beiden Schöpfungsberichte am Beginn des Alten Testaments sowie im weiteren Verlauf zahlreiche erzählende, gesetzgebende oder poetische Texte.

Das Buch „Anthropologie des Alten Testaments“ von Kathrin Gies nimmt deshalb in den einzelnen Themenkapiteln immer wieder Bezug auf beispielhafte Texte, um ausgewählte Facetten des Menschseins im Alten Testament zu beleuchten. Wie bereits die Einleitung des Buches informiert, ist freilich nicht zu erwarten, am Ende der Lektüre über „das“ Menschenbild oder „die“ Anthropologie im Alten Testament Bescheid zu wissen, denn: Erstens handelt es sich vielmehr um einen Plural von Menschenbildern und zweitens umfasst das Alte Testament keine systematische Abhandlung einer Anthropologie.

Die daraus folgende Pluralität und Vielfalt in Bezug auf die Darstellung des Menschen werden im Buch im Verlauf der verschiedenen Themenkapitel an Textbeispielen aufgezeigt. Dabei geht es um die Geschöpflichkeit, Fehlbarkeit, Produktivität, Geschlechtlichkeit und die Vergänglichkeit des Menschen sowie um die Frage nach dem Menschen vor Gott. Damit sich Leserinnen und Leser aber zunächst allgemein in der anthropologischen Forschung zum Alten Testament und mit ihren grundlegenden Erkenntnissen zurechtfinden, ist ein erstes Kapitel dazu vorgeschaltet. Dieses umfasst einen allgemeinen Überblick über die wichtigsten Forschungslinien.

Hochinteressant wird es anschließend in den Themenkapiteln, wenn die Autorin die Bedeutungsdimensionen biblischer Begriffe erläutert – etwa, wenn es um den Menschen als „Ebenbild“ Gottes geht, um die Sünde oder um Körperbegriffe. Daran wird deutlich, dass manche, heute selbstverständliche Verstehensweisen zu hinterfragen sind. Indem Texte vor dem Hintergrund altorientalischer Konzepte, Bilder und Vorstellungen erläutert werden, wird ein vertieftes Verständnis gerade auch bekannter Texte ermöglicht – dies wiederum ist unabdingbar für eine angemessene Auslegung der Texte. Zugleich ergeben sich Deutungsoptionen, die für die Gegenwart interessant sind. Darüber hinaus wird in sogenannten „Einblicken“ zu einigen Themen auf verschiedene Interpretationen sowohl in der jüdischen als auch der christlichen Bibelauslegung, auf Ikonographie oder auf außerbiblische altorientalische Texte verwiesen. Die kurzen Zusammenfassungen am Ende jedes Themenkapitels bieten schließlich eine hilfreiche Zusammenfassung der zentralen Aspekte.

Insgesamt eröffnet die Publikation also vielfältige anthropologische Perspektiven, die bei der Exegese eines Textes gerade nicht gegeneinander auszuspielen sind. Damit entgegnet diese Publikation binären Codierungen bzw. schwarz-weißen, eindimensionalen Textauslegungen.

Die Lektüre dieses kompakten Büchleins ist sehr zu empfehlen – gerade auch für diejenigen, die sich mit der Welt altorientalischer bzw. alttestamentlicher Anthropologie vertraut machen möchten. Verwendete hebräische Begriffe sind dabei auch für Nicht-Sprachkundige durch die deutsche Transliteration sowie die Erläuterungen gut verstehbar integriert.

Verena Sauer