Verletzte Erinnerungen heilen?

Die Stiftung Pro Oriente ist seit vielen Jahrzehnten eine bedeutende Plattform für den ökumenischen Dialog zwischen den Kirchen des Ostens und der römisch-katholischen Kirche. Als die Annäherung zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils als „Dialog der Liebe“ begann, förderte Pro Oriente Begegnungen und öffnete theologische Gesprächsräume, die für die kommenden ökumenischen Dialoge wegbereitend sein sollten. Seit diesen Anfängen sind viele Jahrzehnte vergangen. Die offiziellen Dialoge zwischen der katholischen Kirche und den Ostkirchen der byzantinischen und orientalischen Tradition haben das gegenseitige Kennenlernen und theologische Übereinstimmungen ermöglicht, etwa zum Verständnis der Sakramente oder der Ekklesiologie. Auch dort, wo keine vollständige Einigung möglich war – etwa bei den Fragen von Synodalität und Primat – näherten sich die Kirchen auf der offiziellen Ebene an. Und dennoch erleben ökumenisch engagierte Menschen immer wieder in ihren Kontexten, dass die Kirchen sich trotz der offiziellen Einigungen mit Vorbehalten, Ablehnung oder offener Feindschaft begegneten. Warum ließen sich die großen ökumenischen Versöhnungsprozesse nicht auf die lokalen Kirchen, Nachbargemeinden oder Ortskirchen so übertragen, dass sie auch dort furchtbar werden konnten?

Seit 2018 arbeiten im Rahmen von Pro Oriente orthodoxe und katholische Theologinnen und Theologen daran, neue Zugänge zu den ökumenischen Prozessen zwischen der römisch-katholischen und den griechisch-orthodoxen Kirchen zu ermöglichen. Dazu gehört das 2023 offiziell begonnene Projekt „Verletzte Erinnerungen heilen“ („Healing of Wounded Memories“). Es reagiert auf die Beobachtung, dass die Umsetzung der ökumenischen Vereinbarungen auf internationaler Ebene sehr oft an tiefsitzenden historischen Verletzungen zwischen den Kirchenfamilien scheitert, die von den ökumenischen Dialogen kaum verarbeitet wurden. In vielen Regionen, in denen orthodoxe und katholische Gläubige seit Jahrhunderten zusammenleben, wurden ethnische, nationale oder andere gesellschaftliche Identitäten durch die konfessionellen Identitäten verschärft. Konflikte, die zu bestimmten Zeitpunkten auch gewaltsam ausgetragen wurden, hatten so häufig religiöse Anteile und arbeiteten mit religiösen Vorurteilen. Als identitätsbildende Abgrenzungen gingen die Konfessionsunterschiede so in das kollektive Gedächtnis der Religionsgemeinschaften über und verbanden sich mit Symbolen wie bestimmten Orten, Heiligen, Feiertagen usw. Die Langzeitwirkung einer solchen symbolischen Entfremdung wird oft erst dann sichtbar, wenn neue Konflikte zu einer Aktualisierung führen. Nachhaltige Versöhnungsprozesse erfordern vor diesem Hintergrund eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – den verletzten Erinnerungen.

Das „Healing of Wounded Memories“-Projekt hat zwei Richtungen. Zum einen sollen theologische Leitkonzepte der ökumenischen Prozesse kritisch evaluiert werden. Schlagworte wie Frieden, Versöhnung, Vergebung, Buße, Umkehr und Gerechtigkeit werden häufig verwendet, ohne ihren theologisch vielschichtigen Gehalt und die konfessionsverschiedenen Definitionen zu beachten. Teilweise werden individualethische Konzeptionen von Versöhnung oder Buße auf Gemeinschaften übertragen, ohne die völlig unterschiedlichen Bedingungen in die Bewertung einzubeziehen. Darüber hinaus haben Bezugswissenschaften wie die Konfliktforschung, Sozialanthropologie oder Sozialwissenschaften weitreichende Arbeiten zu den gruppenspezifischen Besonderheiten von Konflikttransformation erarbeitet, die in die theologische Reflektion jedoch nur marginal einbezogen werden. Mit einer ersten wissenschaftlichen Konferenz im November 2023 sollten die theologischen Gespräche zu diesen Herausforderungen eröffnet werden. Rund 40 orthodoxe, katholische und evangelische Theologinnen und Theologen diskutierten Grundlagenkonzepte miteinander und analysierten ihre Potentiale und Grenzen für die praktischen Herausforderungen in konfliktbetroffenen Regionen.

Die zweite Richtung des Projekts nimmt drei dieser konkreten Kontexte historisch belasteter ökumenischer Begegnungsräume in den Blick – Osteuropa, Südosteuropa und den Nahen Osten. In diesen drei Regionen hatten die verschiedenen christlichen Gemeinschaften über Jahrhunderte historische Konflikte aufgenommen und mit der religiösen Identität verschmolzen, so dass gesellschaftliche Auseinandersetzungen im 20. Jahrhundert jeweils unter Nutzung religiöser Identitätskonzepte gewaltsam ausgetragen werden konnten. Ökumenischen Bemühungen wurde in allen drei Kontexten eine besondere versöhnende Verantwortung zugeschrieben, die jedoch immer wieder an ihre Grenzen geriet. Als die Ausarbeitung des Projekts im Herbst 2018 begann, waren die Mitglieder der Projektgruppe guter Hoffnung, dass dies drei Regionen sind, in denen die kollektiven Traumatisierungen zwischen den Kirchen der Vergangenheit angehören und ein neuer Ansatz zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Erinnerungen möglich ist. Die geplante Durchführung der Projekteröffnung im Herbst 2023 zeigte jedoch auf bittere Art, wie falsch wir lagen. Russlands Krieg gegen die Ukraine sowie der Terror der Hamas und das israelische militärische Vorgehen gegen die Palästinenser führten den Teilnehmenden der Konferenz vor Augen, wie religiöse Themen Gewalt unterfüttern und Geschichtspolitik religiöse Menschen mobilisiert. Die Aktualität und Relevanz des Themas, aber auch die Schwierigkeiten einer Erdung der theologischen Konzepte von Versöhnung in Konfliktsituationen, die noch nicht vollständig der Vergangenheit angehören, wurden durch die Teilnahme von Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen aus eben diesen Regionen in die Konferenz getragen.

Während der Eröffnungskonferenz wurden die auf den theologischen Panels diskutierten wissenschaftlichen Konzepte mit den Realitäten der lokalen Kontexte konfrontiert und verknüpft. So wurde die praktische Bedeutung von theologischen Nuancen und die Relevanz von nicht-theologischen Konzepten wie der "transitional justice" greifbar. Konkrete praktische Erfahrungen von ökumenischen Projekten lokaler Versöhnungsinitiativen illustrierten, wie eine kritische und politisch informierte und am persönlichen Gewissen orientierte Theologie der Ökumene in vom Krieg zerrissenen Gesellschaften Früchte tragen kann Die gemeinsame Arbeit leitete über zur Planung von regionalen Veranstaltungen, die im Jahr 2024 in allen drei Kontexten durchgeführt werden sollen. Auch wenn für alle drei Regionen festgestellt wurde, dass wir aktuell Zeugen der Entstehung neuer „verletzter Erinnerungen“ sind, teilten die Teilnehmenden die Zuversicht, dass die Erfahrungen anderer und älterer Konflikte helfen kann, eine Verfestigung der traumatischen Ereignisse im kollektiven Gedächtnis der Religionsgemeinschaften zu minimieren. Ökumenisch wird dabei aber auch von den internationalen Akteuren erwartet, ein realistisches, durch große Zerwürfnisse geprägtes Bild der Region und der christlichen Kirchen in die Dialoge einfließen zu lassen.

Prof. Dr. Regina Elsner ist Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik der Universität Münster sowie Mitglied des Ökumenischen Instituts. Sie ist Mitglied der Kommission für orthodox-katholischen Dialog von Pro Oriente und arbeitet mit am ProjektHealing of wounded Memories“.