Was ist und (wozu) brauchen wir Spiritualität? Potentiale und Ambivalenzen

1. Was ist Spiritualität?

Der Begriff Spiritualität gilt seit Jahren als Megatrend. Vielfältige Phänomene, z.B. meditativer Tanz, Straßenexerzitien, schöpfungsspirituell begründete Aktion, digitale Achtsamkeitsübungen oder kontemplatives Zen, können darunter subsumiert werden. In innerkirchlichen Kreisen wird dieses weite, niedrigschwellige Verständnis oft als zu beliebig abgelehnt und beansprucht, zwischen echter, z.B. katholischer, Spiritualität und gewissermaßen verbilligter Spiritualität zu unterscheiden.

Spiritualität ist also ein von verschiedenen Seiten in Anspruch genommener, höchst ambivalenter Begriff, der nicht leicht zu definieren ist, aber unter dem sich doch die meisten Menschen etwas vorstellen können. Gibt es dennoch Gemeinsames? Der kanadische Philosoph Charles Taylor spricht von der Suche nach einem "Ort der Fülle". Ich selbst möchte es so formulieren: Spiritualität ist Erfahrung und Ausdruck der Sehnsucht danach, es könnte anders sein, als es ist.

Karl Rahner hat Spiritualität im christlichen Verständnis schlicht als "Leben aus dem Geist" definiert. Hans Urs von Balthasar, der zweite einflussreiche Theologe des 20. Jh. beschrieb Spiritualität als "praktische und existentielle Grundhaltung eines Menschen, die Folge und Ausdruck seines religiösen – oder allgemeiner: ethisch-engagierten Daseinsverständnisses ist: eine akthafte und zuständliche (habituelle) Durchstimmtheit seines Lebens von seinen objektiven Letzteinsichten und Letztentscheidungen her". Dieses normative Verständnis, welches persönliche Frömmigkeit (das ältere Wort für Spiritualität) stets in Beziehung setzt zu den für alle gleichermaßen gültigen propositionalen Gehalten des Glaubens, wurde für das katholische Verständnis von Spiritualität prägend. Die Spannung zwischen Pluralitätssensibilität einerseits und Normativität andererseits prägt auch noch jüngere Beschreibungsversuche.

Empirische Studien wiederum zeigen, dass der Begriff eigentlich kaum zu definieren ist. Auch eine gewisse Offenheit und Nicht-Bestimmtheit scheint also Spiritualität auszumachen. Vielleicht liegt gerade darin ihr Potential.

  

2. (Wozu) brauchen wir Spiritualität?

Während die Dogmatik die klaren Konturen des Glaubens sowie der institutionellen Kirche absichert und festigt, haben spirituelle Traditionen, wie etwa die Mystik, diese Abgrenzungen und Konturen immer wieder verwischt. Und doch stehen erfahrungsbezogene, persönliche Zugänge zum Glauben einem doktrinalen Zugang nicht einfach gegenüber. Zum einen sind auch dogmatische Lehrsätze nicht einfach objektiv klar und ein für allemal gültig, sondern repräsentieren stets die Auffassung der zur jeweiligen Zeit einflussreichsten Theologenschule, sodass sich auch die Lehrbildung immer in einem Prozess befindet und auf die Zukunft hin interpretationsbedürftig ist. Zum andern bilden Zeugnisse individuell-persönlicher Glaubenserfahrung nicht etwa einen alternativen Glaubenszugang, der z. B. auf charismatische Kreise o.ä. zu beschränken wäre, sondern gehören ganz wesentlich mit in unsere plurale Tradition.

Die Vitalität einer Religion ist aber ganz wesentlich abhängig davon, dass Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit den Inhalten ihrer Religion in Beziehung setzen können. Anders wird sie blutleer und unverständlich. Sie erzeugt keine Resonanz mehr. D.h.: Wir brauchen die spirituellen Traditionen und die Vielfalt der Spiritualität, damit der Glaube lebendig bleibt. Deswegen widersprechen sich auch spirituelle Erneuerung und strukturelle Reformen der Kirche(n) nicht, sondern sind miteinander verflochten: Je pluraler und transformationsoffener unsere Strukturen sind, desto mehr kann etwas von der Gegenwart des Grenzenlosen, der:die:das uns trägt und lebendig macht, in der Welt und in unserem Alltag sichtbar werden.

3. Spiritualität exemplarisch

Ich möchte einige Beispiele der pluralen Möglichkeiten von Spiritualität in der christlichen Tradition geben. Die niederländische Theologin Maaike de Haardt vertritt eine Theologie des Alltags: Bei an sich unspektakulären Dingen wie z. B. Essen und Arbeiten entsteht zuweilen etwas, das de Haardt mit dem englischen Begriff des "sense of presence" zusammenfasst – die Wahrnehmung dichter Präsenz, die uns plötzlich berührt. In dieser Sicht findet eine Auflösung von festen Orten des Religiösen oder Säkularen statt. Auch das Anpflanzen einer Wildblumenwiese kann dann eine spirituelle Übung sein.

Bereits in der Tradition des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart kann prinzipiell alles Ausdruck eines Lebens aus, in und mit Gott werden, weil Gott sich nicht von uns entfernt, sondern uns stets nahe ist auf unseren unterschiedlichen Such-Wegen. Das ist kein gleichgültiger Relativismus – sondern praktische Konsequenz des Glaubens an diesen nahen, unterstützenden Gott. Eckhart ermutigt dabei einerseits zu einem gewissen Zutrauen in den eigenen Weg, warnt aber andererseits auch vor einer unzuträglichen Selbstzufriedenheit mit der eigenen Spiritualität und zur Anerkennung der Tatsache, dass es viele "gute Weisen" gibt. Lebensgestaltung in, mit und durch Gott hat für Eckhart, modern gesprochen, stets etwas Dekonstruktives. Mystische Dekonstruktion setzt auf die Aktualisierung der immer noch einmal größeren positiven Möglichkeiten Gottes.

Mystische Spiritualität äußerst sich daher im Habitus der Selbstzurücknahme, oft ist auch die Rede von Selbstvernichtung, so etwa bei der Begine Marguerite Porete. Es geht dabei um die Einsicht, dass ich selbst dem Wirken Gottes im Weg stehe. Dass ich selbst also das, was von Gott her möglich wäre, verunmögliche. Ziel von Mystik ist so die Überzeugung von der Möglichkeit der Unmöglichkeit.

Es ist allerdings eine fragile Überzeugung. Der Mystikforscher Michel de Certeau schrieb: „Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu wandern und wer in der Gewissheit dessen, was ihm fehlt, von jedem Ort und jedem Objekt weiß, das ist es nicht.“ Spirituelle Menschen sind fortwährend auf der Suche, gerade auch in Situationen tiefster Verzweiflung. In der Mystik eines Johannes vom Kreuz werden Gefangenschaft und Misshandlung im Kerker von Toledo, also das eigene Zunichtewerden, mit Blick auf Christus zum Einfallstor für die Erfahrung der Gegenwart Gottes.

Die anglikanische Theologin Sarah Coakley schließlich hat in den letzten Jahren das Konzept einer von ihr sog. "théologie totale" entwickelt. Damit meint sie: Theologie kann nicht rein analytisch, distanziert betrieben werden. Das geschieht aber quasi selbstverständlich in einer männlich geprägten Theologie, die die Hoheit über ihren Gegenstand zu haben meint und dabei einen entscheidenden Zugang zu Gott übersieht. Dieser Zugang, so Coakley, unterliegt nicht unserer Kontrolle und kann uns gerade deswegen für Gottes transformierenden Geist öffnen. Daher wirbt Coakley für einen Zugang durch die Praxis der Kontemplation, die Geist, Körper und Affekte gleichermaßen betrifft. Der spezifische Einfallsort für diese Transformationsoffenheit bzw. Gottoffenheit ist dabei nach Coakley der Körper, und darin das Geschlecht. In ihm drückt sich eine fundamentale Labilität und ein fundamentales Begehren des Anderen aus. Kontemplative Traditionen leiten dazu an, dieses fundamentale Begehren als Begehren nach Gott und zugleich als Begehren Gottes nach uns zu deuten. Denn in meiner Sehnsucht nach Gott und gelingendem Leben spiegelt sich die Sehnsucht Gottes nach mir. Kontemplation ist nach Coakley Einüben in das unbestimmte Begehren nach mehr – oder wie ich oben formuliert habe: danach, es könnte anders sein, als es ist.

4. Ambivalenzen

Spiritualität ist allerdings auch hochambivalent. Sie findet nicht in einem herrschaftsfreien Raum statt und ist besonders anfällig für Missbrauch – weil es um einen besonders intimen Bereich menschlicher Glaubenspraxis geht. Darin sind Selbstrelativierung und Offenheit auf das Andere (mit dem älteren Wort gesagt: Hingabe) zentrale Haltungen. Diese Offenheit, Selbstdistanz und Kontrollabgabe macht ganz besonders verletzbar, erzeugt besonders leicht Täter und Opfer. Damit Spiritualität fruchtbar werden kann, sind daher strukturelle Regelungen extrem wichtig, die Hierarchien, Asymmetrien und Auratisierungen abbauen bzw. überprüfbar machen und geschlossene Systeme verhindern. Der Weg spiritueller Selbstrelativierung und Transformation muss zugleich ein Weg spiritueller Selbstbestimmung sein können.

5. Fazit

Wir brauchen Spiritualität für die Lebendigkeit des Glaubens und um Neuaufbrüche zu gestalten. Aber wenn wir nach Kriterien für eine lebensförderliche Spiritualität suchen, geht es immer auch darum, die gefährlichen Ambivalenzen von Spiritualität zu reflektieren. Denn Spiritualität führt nicht aus den Spannungen des Lebens heraus in eine Sonderwelt, für die andere Gesetze gelten, sondern muss sich mitten im Leben ereignen, innerhalb der Machtstrukturen, Hierarchien, Konkurrenzen und Abhängigkeiten, in denen wir uns bewegen. Spiritualität kann vielleicht lehren, das Abgrenzen zurückzufahren, unserer Diversität Raum zu lassen, indem sie dazu befähigt, sich der Logik der Grenzenlosigkeit Gottes, der:die:das uns allen Raum gibt, zu öffnen und sich verändern zu lassen. Spirituelle Traditionen, die selbst oft am Rand der für die eigene Gruppe noch als orthodox geltenden Lehre standen, können hier wegweisend sein. Heute können z.B. Menschen wegweisend sein, die sich in der Bewegung „#OutInChurch” zusammengetan und als queer geoutet haben. Sie verändern den Status quo, indem sie die Kirchen mit einer komplexeren, queeren Spiritualität bereichern, herausfordern und verwandeln (bei aller Begrenztheit). Denn auch hier gilt das spirituelle Kriterium der Distanz auch zum eigenen Weg, das Offensein auf andere Perspektiven als meine eigene, der Mut, Scheitern einzugestehen und in die Diskussion zu geben, die Wertschätzung des immer noch einmal ganz/radikal Anderen, dem ja Spiritualität mitten in unserem Leben Raum geben will.

 


Prof. Dr. Christine Büchner ist Professorin für Dogmatik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte sind Mystik und Spiritualität.